Constanze T.

Constanze T.: „Ich will beides sein: Managerin und Mutter.“

Constanze T. war über 11 Jahre bei AirBerlin beschäftigt, zuletzt als Managerin Operational Procurement. Nach der Insolvenz des Unternehmens bekam sie ihr erstes Kind, legte eine zweijährige Elternzeit ein. Danach gestaltete sich die Jobsuche schwieriger als erwartet. Bei der Dussmann Service Deutschland GmbH fand sie als Coordinator Key Account einen Job, bei dem sie Job und Familie vereinbaren konnte.

Sie sind eine berufstätige Mutter. Wie haben Sie den Wiedereinstieg in den Berufsalltag erlebt?

Ich hatte es mir leichter vorgestellt. Mein größtes Problem war, nach der Elternzeit wieder einen anspruchsvollen, sinnvollen Job in Teilzeit zu bekommen. Ich bekam Angebote als Sekretärin, Vertriebstätigkeiten im Homeoffice, Jobs im Hotel und als Portier mit Nachtschichten oder befristete Anstellungen. Das sind für mich aber keine Optionen. Auch das Arbeitsamt war keine Hilfe. Sie haben mir nach der AirBerlin-Pleite Umschulungen angeboten.

Wie sind Sie mit diesen Erfahrungen umgegangen?

Das alles hat mich wahnsinnig geärgert und ich war enttäuscht vom Arbeitsmarkt. Ich habe eine akademische Ausbildung, einschlägige Berufserfahrung und bin erfolgreich in meinem Job gewesen. Aber all das spielte plötzlich keine Rolle mehr – nur weil ich Mutter geworden bin. Warum soll ich plötzlich nicht mehr für Jobs in Frage kommen, die ich vor meinem Kind bestens gemacht habe?

Wie haben Sie sich dennoch durchgesetzt und einen passenden Job gefunden?

Ich habe mir professionelle Unterstützung bei der Erstellung meines Lebenslaufs geholt, mein Netzwerk gezielt angesprochen und um Tipps gebeten. Unter anderem fragte ich bei meinen ehemaligen Kollegen und Vorgesetzen nach Empfehlungen und Ideen, wo Mitarbeiter mit meinem beruflichen Profil gesucht werden. Und ich habe Unternehmenswebseiten durchforstet und Initiativbewerbungen geschrieben.

Hat ein Tipp aus Ihrem Netzwerk den erwünschten Job gebracht?

Ja, es war ein Hinweis eines ehemaligen Vorgesetzten. Ich schaute mir die Firmenwebseite an, bewarb mich auf die Position und bekam eine Einladung zum Vorstellungsgespräch. Es war das erste Gespräch, bei dem ich nicht nach meinem Kind befragt wurde. Alle anderen hatten das Thema eingeleitet mit: „Sie haben ja ein Kind…“ und haben abgeklopft wie flexibel ich bin und ob die Betreuung gesichert ist. Das hatte immer diesen einschränkenden Charakter: ‚Sie sind zwar qualifiziert, aber Sie sind Mutter.‘ Ich will mich nicht zwischen Managerin und Mutter entscheiden müssen. Ich kann beides!

Was hat Sie überzeugt, dass dieser Arbeitgeber für Sie der richtige ist?

Es war die ganze Haltung, die Wertschätzung für meine bisherigen Tätigkeiten, auch die Offenheit, die mir entgegengebracht wurde. Ich wurde zum Beispiel gefragt wie ich arbeiten möchte und in welchem Umfang. Mein damaliger Chef ist selbst Familienvater, kennt die Themen, die Beruf und Familie mit sich bringen. Er stellte mir das Team vor und ich habe gesehen, dass zum Beispiel viele Mitarbeiter Fotos von ihren Kindern auf den Schreibtischen stehen haben. Das alles zusammen wirkte auf mich authentisch und ehrlich. Ich wollte diesen Job unbedingt haben und bin sehr froh, dass es geklappt hat.

Ist das Arbeiten mit Kind und in Teilzeit, anders als vorher?

Auf jeden Fall. Ich habe mein Zeitmanagement umgestellt. Ich priorisiere viel mehr, bin fokussierter und würge schon mal langwierige Diskussionen Meetings ab. Die Woche plane ich durch und ich denke weiter voraus als früher. Meetings versuche ich auf den Vormittag zu legen, denn dann sind alle da. Außerdem gibt es besprechungsfreie Zeiten am Mittag. Termine am Nachmittag plane ich im Voraus, so dass ich dies mit meinem Mann und meiner Familien abstimmen kann. Somit ist die Kinderbetreuung gesichert. Ich muss auch nicht immer zu jeder Besprechung anwesend sein. Manchmal reicht mir auch das Protokoll, um up-to-date zu sein. Es ist alles eine Frage der Selbstorganisation – wenn der Arbeitgeber das zulässt.

Könnten Sie diesen Job ohne Ihr Netzwerk bzw. die Familie machen?

Ja, aber es wäre um ein Vielfaches schwerer. Ich wäre nicht so flexibel. Die meisten Kitas in Berlin betreuen die Kinder von 8 bis 16 Uhr. Das ist die klassische Arbeitszeit von vielen Eltern. Da würde ich mir Betreuungszeiten wünschen, die an das reale Leben angepasst sind.

Es gibt auch Kitas, die eine 24-Stunden-Betreuung anbieten.

Der Run auf diese Einrichtungen ist enorm. Da einen Platz zu bekommen, ist nahezu aussichtslos. Ich finde aber diese Plätze sollten Eltern nutzen können, die in Schichten arbeiten. Für sie ist es noch schwieriger, Kind und Beruf zu managen. Für einen Job mit „normalen“ Arbeitszeiten bräuchte man flexible Betreuungszeiten.

Wenn Sie Geschäftsführerin wären, welche Arbeitszeitmodelle oder Angebote würden Sie in Ihrem eigenen Unternehmen schaffen?

Da habe ich viele Ideen: Job-Sharing zum Beispiel oder bessere Nutzung von Digitalisierung. Ich denke da an Videokonferenzen. Das spart Zeit, Fahrtkosten und am Ende auch Geld. Außerdem bin ich für wirklich flexible Arbeitszeiten. Viele Jobs brauchen die starre „nine-to-five“ Regelung nicht zwingend. Ich kann mir auch ein Eltern-Kind-Zimmer im Unternehmen vorstellen, also einen Raum mit einem Arbeitsplatz und einer Spielecke. Es wäre natürlich keine Dauerlösung, aber, wenn man mal keine Kinderbetreuung hat, nimmt man das Kind mit zur Arbeit und hat keinen Stress.

Was wünschen Sie sich für erwerbstätige Eltern?

Mehr Verständnis und hilfreiche Angebote. Arbeitgeber sollten ihnen die Chance geben, arbeiten zu können und akzeptieren, dass es qualifizierte Mitarbeiter eben auch mit Kind(ern) gibt. Stattdessen werden oft nur die möglichen Nachteile gesehen. Das kann ich nicht nachvollziehen. Unternehmen beklagen oft, sie finden keine guten Leute. Sie sollten allerdings mal selbstkritisch schauen, ob sie nicht vielleicht ihre Einstellung und Arbeitsbedingungen an die Realität anpassen können. Dann bekommen sie auch gute Mitarbeiter.


Melanie Goncalves-Andreas: „Frauen, Männer – Beruf, Familie: Wir müssen generell umdenken.“

Melanie Goncalves-Andreas (Jahrgang 1987) ist Account Executive, Mutter und Organisationstalent. Sie sagt: „Um Kind und Karriere besser vereinbaren zu können, brauchen wir flexiblere Arbeitszeit- und Betreuungsmodelle.“

Position: Account Executive
Branche:
Contact Center, Software
Tätigkeitsschwerpunkte: Kundenakquise, Bestandskundenbetreuung, Kundenberatung im Umfeld Customer Experience

Sie arbeiten für ein großes internationales Software-Unternehmen im Vertrieb und sind dort eine von wenigen Frauen. Wie ist das so?

Es ist spannend, in einer Männerdomäne zu arbeiten. Und es macht mir sehr viel Spaß. Es war für mich aber auch ein Lernprozess, zum Beispiel noch selbstbewusster aufzutreten, pragmatischer an Dinge heranzugehen, auf Themen nicht zu lange herumzudenken, sondern einfach zu machen. Hätte ich das nicht umsetzen können, wäre ich wahrscheinlich nicht so erfolgreich.

Was waren konkrete Hürden, die Sie überwinden mussten?

Es hat mich anfangs zum Beispiel deutlich mehr Überzeugungskraft gekostet, zu beweisen, dass ich fachlich genauso fit bin wie meine männlichen Kollegen. Bei manchen Kunden musste ich mir erst einmal einen gewissen Standpunkt erarbeiten und sie von meinem technischen Verständnis überzeugen. Dann war die Zusammenarbeit bestens – vielleicht sogar etwas leichter.

Gibt es jetzt noch Unterschiede, die Ihnen auffallen?

Ja, die gibt es natürlich. Insbesondere merke ich wie unterschiedlich Frauen und Männer denken und agieren. Wir schauen einfach unterschiedlich auf die gleichen Themen. Das macht es nicht immer leicht. Vor allem nicht, wenn man keinen Weg findet gemeinsam auf einen Nenner zu kommen. Aber gelingt es, können sich Männer und Frauen super ergänzen und spannende Projekte umsetzen.

Haben Sie sich bewusst für diesen Karriereweg und einen Job in einer Männerdomäne entschieden?

Nein, das hat sich mehr oder weniger zufällig ergeben. Während meines BWL-Studiums war das Verhältnis Männer-Frauen noch ausgeglichen. Ursprünglich hatte ich einen Job im Marketing im Kopf. Doch dann kam ich in ein Produktmanagement-Team, später in ein Innovationsteam. Beide waren eher technisch ausgerichtet. Ich habe schließlich den Vertrieb dabei unterstützt, Produkte in der DACH-Region bekannt zu machen und am Markt zu positionieren. Mit jedem beruflichen Schritt wurde der Tätigkeitsbereich technischer und die weiblichen Kolleginnen weniger.

Sie haben 2016 eine Tochter bekommen. Was hat sich dadurch für Sie beruflich geändert?

Als ich in der Elternzeit war, habe ich mich oft gefragt, wie ich in meiner Vertriebsposition weitermachen kann. Ich hatte keine Vorstellung davon, wie ich Kind und Job organisiere. Als meine Tochter 1 Jahr alt war, habe ich wieder mit der Arbeit angefangen. Erst nur mit einer 25 Stundenwoche um dann schnell zu merken, dass dies kaum machbar ist. Manche Sachen habe ich mit Kind auf dem Schoß von zu Hause aus erledigt. Nach einem ¾ Jahr bin ich auf Vollzeit umgestiegen.

Wie gut klappt das?

Es funktioniert sehr gut, auch wenn ich mich manchmal hin und her gerissen fühlte, ob das richtig ist, so wie ich es mache. Ich glaube aber das geht vielen so, insbesondere uns Frauen. Männer hinterfragen weniger. Sie machen es einfach und sagen so ist es eben.

Was war für Sie die größte Herausforderung bzgl. Kind und Karriere?

… alles in time unter einen Hut zu bekommen. Es ist ein wahnsinnig hoher organisatorischer Aufwand. Ein Beispiel: Die Kita macht um 16 Uhr zu. Das ist für mich eigentlich noch Arbeitszeit. Ohne meinen Mann, Oma, Opa oder Babysitter könnte ich meine Arbeit nicht in Vollzeit machen.

Und doch wieder in Teilzeit arbeiten, wäre das eine Option für Sie?

Nein. Ich liebe, was ich tue und das geht nur ganz oder gar nicht. Für eine Teilzeit-Beschäftigung müsste ich mir etwas anderes suchen. Das würde mich aktuell nicht glücklich machen.

Warum funktioniert Ihr Job nur in Vollzeit?

Eine 25-Stunden-Woche funktioniert in vielen Jobs nicht. Ich kann für meine Kunden nicht nur zwischen 10 und 16 Uhr da sein. Auch Job-Sharing würde sich nur schwierig in die Praxis umsetzen lassen, denn ein Kunde kann nicht am Vormittag den einen und am Nachmittag einen anderen Ansprechpartner haben. Das würde die Zusammenarbeit kompliziert machen und es würden wohl auch einige Kunden nicht akzeptieren.

Was müsste sich ändern, dass es leichter wird für berufstätige Eltern?

Ich denke es liegt zum einen an den starren Arbeitszeitmodellen. Noch zu wenig Unternehmen bieten Möglichkeiten an, Job und Familie stressfrei zu vereinbaren. Homeoffice oder eigene Firmen-Kitas, wirklich flexible Arbeitszeiten… das würde den Alltag schon sehr erleichtern. Leider bieten das noch zu wenige Unternehmen an, aber auch viele Kunden sind in ihrem Denken/ Erwartungshaltungen nicht flexibel genug diese Arbeitsmodelle zu unterstützen.

Ich sehe auch, dass in der Kinderbetreuung ein Umdenken stattfinden muss. Vor allem für die, die Alleinerziehend sind oder in Schichten arbeiten. Kitas sollten länger geöffnet sein. Es geht dabei nicht darum, dass das Kind jeden Tag solange in der Kita ist, sondern dass man die Option in Notfall hat.
Zudem wäre ein finanzieller Betreuungszuschuss sinnvoll, den man auch zum Beispiel für Babysitter nutzen kann. Dann wäre man nicht an die Öffnungszeiten der Kita gebunden und könnte auch abends arbeiten. Die Unternehmen und die Gesellschaft müssen generell flexibler werden, wenn Sie gute Mitarbeiter halten wollen.